My Highschool Year in the US

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I took part in a German literature contest. This is my essay. Sorry but it was a German contest so it's only German!!

Baden-Württembergischer Landeswettberwerb der Deutschen Sprache und Literatur


Steninge (summer 2005)

Beitragsthema Nr.7

Vorwort
Das kleine Dorf Steninge, in dem diese Geschichte spielt, gehört zur Gemeine Halmstad, eine Kleinstadt in Südschweden. Sie liegt südlich von Göteborg, nahe Malmö und der dänischen Grenze. Steninge ist ein sehr kleines Dorf, das man in wenigen Minuten mit dem Auto durchfahren kann. Früher war es einmal ein Fischerdorf, jetzt gibt es dort nur noch weniges, was Menschen dorthin lockt. Ein kleines Strandcafé, dass sich aber, im Gegensatz zum Rest des Dorfes, in den letzten 20 Jahren durch den Tourismus stark vergrößert hat. Ein kleines Fischrestaurant, vor Jahren gab es in der Nähe noch einen Bäcker. Nahe dem Ortsausgang gibt es noch ein Vandrahem, eine Art Jugendherberge, in der man übernachten kann. Wichtiger Bestandteil des Dorfes ist auch Steningegarden, eine kleine Ferienanlage eines Vereins, ähnlich der Heilsarmee. Es besteht aus einem Haupthaus, mehreren geräumigen Ferienhäusern und einem kleinen Campingplatz. Meine Eltern sind damals darauf aufmerksam geworden, als sie jung und unerfahren in Schweden Urlaub gemacht haben und keinen Platz gefunden haben. Sie wurden von der Pingstgemeinde freundlich aufgenommen und durften bei allen Feierlichkeiten teilnehmen. Mich hat die Freundlichkeit, Herzlichkeit und das absolute Vertrauen dieser Menschen dort völlig überwältigt, was wohl auch der Grund ist, warum ich dieses Dörfchen als Ort meiner Erzählung gewählt habe. Diese Menschen sind wirklich sehr vertrauenswürdig, aber trotzdem nicht naiv. Vertrauenswürdig in dergestalt, dass sie zum Beispiel den Strom auf dem kleinen Campingplatz nicht abschalten. Jeder könnte kommen und sich dort einfach Strom zapfen, ohne zu bezahlen! Als wir vor zwei Jahren dort waren, wussten wir nicht genau, wann wir wieder abreisen würden und sie haben uns einfach gebeten, den (äußerst billigen!!) Preis einfach in den Briefkasten einzuwerfen, da die Rezeption beinahe nie besetzt war (die Saison war in Schweden schon vorrüber). Einen Namen oder Adresse haben sie nie eingefordert. Dieses Vertrauen und die Schönheit der Umgebung haben mich eingenommen. Steninge ist wohl ein Dorf, wie jeder sich ein typisches Schwedisches Dorf vorstellt. Kleine, rot-weiße Holzhäuschen (wahlweise auch gelb oder blau) mit weißen Gartenzäunen und perfekt gepflegten Gärten. Der Strand ist nicht sonderlich groß, auch nicht sehr sauber und das Wasser selbst im Hochsommer ziemlich kalt (zumindest für uns Deutsche, Schweden sehen das Ganze ein bisschen anders). Eine kleine Attraktion ist noch die Felseninsel mitten in der kleinen Bucht, die mit einem bei Flut überschwemmten Steinsteg mit dem Land verbunden ist und natürlich die vielen Steine (die eine meist runde Form besitzen), die dem Dorf schließlich auch den Namen gegeben haben. Steninge kommt einem vor wie eine andere Welt, allein schon von den vielen farblichen Eindrücken, die auf einen hereinbrechen. Der Kontrast der Nordsee und des orangenen Abendhimmels mit diesen typischen skandinavischen Wolken, die unten wie abgesägt scheinen und nur in Schweden so aussehen. Das alles macht Steninge für mich zu etwas ganz Besonderem und ist deshalb Schauplatz dieser Geschichte.

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Über den Himmel zog sich ein heller Streifen Orange und schreiend segelte eine Möwe in der frischen Brise, die vom Meer hinauf blies. Langsam erwachte auch das verschlafene Dörfchen zum Leben. Früher war es einmal ein kleines Fischerdorf gewesen. Davon war aber nicht mehr viel übrig, außer dem kleinen Fischrestaurant direkt am Strand. Der Hafen bestand auch nur noch aus fünf Ruderbooten, die die meiste Zeit des Jahres an ihrem Anlegeplatz sanft auf den Wellen schaukelten. Einen richtigen Steg gab es schon lange nicht mehr, nur einen Haufen Steine, der sich irgendwann im Meer verlief. Steine gab es hier wahrlich genug. Links des kleinen Hafens türmte sich ein ganzer Berg davon auf, auf dem man vom kleinen Kieselstein bis hin zum großen Felsbrocken alles finden konnte. Daher rührte auch der Name des kleinen Dorfes. Steninge. Es gehörte zur Gemeinde Halmstad, südlich von Göteborg, an der rauen Nordseeküste Südschwedens.

Gerade war der Besitzer des kleinen Cafés am Strand, Gösta’s Strandcafé, dabei die Tische auf der kleinen Terrasse hinter einer der Sanddünen aufzustellen, die bei Flut der einzige natürliche Schutz des Dorfes waren. Als er aufschaute, lief auf der gegenüberliegenden Seite ein kleines blondhaariges Mädchen den Bürgersteig entlang. Es war Britta Hendrikson, die Enkelin der alten Alma Peterson, die eines der kleinen Häuschen auf den Felsen nahe am Strand bewohnte. Es war eher eine kleine Hütte, die mit Stützen im Boden und auf den Felsen verankert war und das ganze Dorf bangte bei jedem größeren Sturm um die arme Alma. Aber wenn man sie darauf ansprach, zuckte sie nur mit den Schultern und lächelte. Sie fand es gemütlich, dem Heulen des Windes zuzuhören,
dem Rauschen der brechenden Wellen am Fuße der Felsen zu lauschen und es sich mit ihrer Katze Nils vor dem kleinen Ofen gemütlich zu machen. Ihr Mann Knut war vor einigen Jahren ums Leben gekommen und seither lebte sie allein. Wenn ihr Sohn mit ihr im nahe gelegenen Supermarkt einkaufen war, wurde sie von allen Leuten freundlich gegrüßt. Jedoch gab es auch ein paar Klatschweiber im Dorf, die ihr ihre Selbstständigkeit nicht gönnten.

Inga Seaberg war einer dieser Frauen, die sich gerne den Mund fusselig redeten. Sie bildete sich viel auf sich ein, denn zusammen mit ihrem Mann führte sie das gutlaufende Strandcafé. Es war ein bekanntes Ausflugsziel und bei allen Einheimischen sehr beliebt, genau wie bei den Touristen des Campingplatzes unweit der Stadt Halmstad. Es lag direkt neben dem kleinen Sandstrand des Dorfes: Zwei kleine Buchten, von dessen Mitte aus ein kleiner Steg hinaus auf eine kleine Felseninsel führte, die bei Flut nicht begehbar war.
Inga war bereits eine Frau Mitte fünfzig, ihre Haare hatten einen leichten Grauschimmer. Ihre Adleraugen hingegen ließen kein Zeichen des Alters erkennen und sie waren noch genau so scharf wie früher. An diesem Morgen war sie gerade dabei, die Tische abzuwischen, die ihr Mann bereits aufgestellt hatte, als ein bekanntes Geräusch an ihre Ohren drang. Ein metallisches Quietschen, das ein bisschen wie eine alte Säge klang, kam langsam näher, die Straße hinauf. Sie stand gerade an einem Tisch neben dem großen Steinbogen, durch den sie freie Sicht auf die Straße hatte. Sie streckte den Hals und spähte die Straße hinunter, in der Hoffnung, etwas zu erkennen. Und wahrlich, was die da die Straße hinauf kam, war schon so oft Gesprächsthema der kleinen Nachbarinnenrunden gewesen, die sie stets bei sich im Café abhielt. Über diesen Mann wurde sogar mehr geredet, als über die alte Alma. Er war einer der sonderbarsten Bewohner des kleinen Dörfchens. Eigentlich hatte er nie etwas Ungewöhnliches getan, aber keiner kannte ihn genau und wahrscheinlich war es das, was ihn merkwürdig machte. Die Leute waren neugierig und wenn sie nichts zum reden hatten, erfanden sie etwas. „Henrik, er kommt wieder!“, rief Inga ihrem Mann zu und winkte ihn zu sich herüber. „Wer?“, fragte dieser, als er näher kam, die Pfeife im Mund und sich mit einem Lappen die Hände reibend. „Emil! Er sieht von Tag zu Tag griesgrämiger aus, findest du nicht? Er hat so etwas an sich, ich weiß nicht, was!“, erklärte sie ihm. „Du solltest dir nicht so viele Gedanken wegen diesem alten Miesepeter machen, glaube mir, dem fehlt nichts!“, brummte Henrik und verschwand wieder. Inga überlegte kurz, zuckte schließlich mit den Schultern und wischte weiter den Tisch.

Emil Anderson, der Mann, über den sie gesprochen hatten, war der Briefträger des Ortes und der näheren Umgebung. Während die meisten seiner Kollegen ein Auto benutzten, um die weit verstreuten kleinen Gehöfte zu erreichen, war er noch immer mit seinem alten Fahrrad unterwegs. Es war dunkelbraun, schon leicht verrostet und das alte vergilbte Licht funktionierte wohl schon seit langem nicht mehr. Es sah aus, als sei es ein Überbleibsel des letzten Weltkrieges und genau so hörte es sich auch an. Jedes Teil daran klapperte und knirschte und man hatte das Gefühl, als würde es jeden Moment auseinander fallen, wenn Emil in die Pedale trat. Jeder andere hätte es wahrscheinlich schon auf den Schrottplatz gebracht und sich ein neues Rad gekauft, das es mittlerweile schon für ein paar Kronen im Supermarkt gab, aber Emil dachte nicht daran. Er passte zu seinem Rad. Jeden Morgen kämpfte er sich damit den kleinen Anstieg hinauf, den Lenker fest umklammert und leicht x-beinig darauf sitzend, mit nach außen zeigenden Fußspitzen. Die schwere Posttasche auf dem Rücken und das Gesicht übellaunig zu einer Grimasse verzogen. Emil legte nicht fiel wert auf sein Äußeres. Sollten die anderen Leute doch denken, was sie wollten, sie taten es doch so oder so! Seine Lederschuhe waren schmutzig und leicht zerschlissen, genau wie die ausgebleichte, ehemals dunkelbraune Baumwollhose. Und der graue Rollkragenpullover, den er darüber trug, hatte wohl auch schon bessere Tage gesehen. Abgerundet wurde seine Erscheinung von seiner beinahe antik wirkenden blauen Arbeitsjacke und dem alten Hut, den er stets auf dem Kopf trug. Seine kurzen, grauen Haare schauten nur spärlich darunter hervor. Früher war er einmal Fischer gewesen, das war Jahre her, als er noch ein junger Mann gewesen war. Ein junger Mann mit Zielen, Träumen und Perspektiven. Jetzt war er ein alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und ohne Aufgabe im Leben. Es gab nur eine einzige Sache, etwas Einziges, dass ihm Freude bereitete. Es war sein Geheimnis. Kein dunkles Geheimnis, aber immer noch ein Geheimnis, sein Mysterium. Und es gefiel ihm deshalb so sehr, weil es keiner wusste. Er musste es mit niemandem Teilen und es gehörte ihm, nur ihm allein.

Jeden Morgen, wenn er die Hauptstraße hinauffuhr, grüßten ihn die Leute: „Guten Morgen, Emil!“, „Hey, Emil, wie geht es dir?“, „Emil! Na, was macht das Leben?“ Und wie jeden Morgen setzte er sein Lächeln auf, das wie fest zementiert auf seinem Gesicht haftete, hob seine Hand zum Gruß und erwiderte den Gruß mit „Gut, danke!“ oder „Wie immer!“ und fuhr weiter. Was die Leute nicht sehen konnten, war, was in seinem Inneren vorging. Das sah ganz anders aus. Er verabscheute sie. Ihre freundliche Art, ihre Neugier, ihre Naivität. Er hasste diesen kleinen Ort, das Ländliche, die Einöde. Als in einer Großstadt aufgewachsener fehlte ihm die Aufregung, das Leben. Manchmal kam es ihm vor, als stünde auf dem Lande die Zeit still und alles bewege sich wie in Zeitlupe. Und jeden Morgen, wenn er an diesen Leuten vorbei fuhr, musste er sich ein Grinsen verkneifen. Weil sie so völlig ahnungslos waren. Ahnungslos darüber, was er wusste. Er wusste alles über sie. Ihre Geheimnisse, Vorlieben, Angewohnheiten. Als er hierher gezogen war, hatte er sich als Briefträger beworben, nachdem die Fischerei geschlossen worden war. Zuerst war er, ein aufrichtiger junger Mann, seiner Aufgabe gewissenhaft nachgegangen. Aber, wie es in den Dörfern so üblich ist, begannen die Leute zu reden. „Der aus der Stadt, der hier keinen kennt und nichts redet.“ So hatten sie über ihn gesprochen. Von Anfang an hatten sie über ihn geredet. Eigentlich konnte er es ihnen nicht verübeln, denn es schien unlogisch, aus Stockholm, einer Weltstadt, nach Steninge zu ziehen, einem winzigen Dorf am anderen Ende des Landes, wo er anscheinend weder Verwandte noch Freunde hatte. Keiner kannte den Grund für seinen Umzug und die Vermutungen der Leute reichten von Scheidung bis hin zu Flucht vor dem Gesetz. Viele schienen der Meinung zu sein, er sei ein Verbrecher. Aber war er nun ein kleiner Dieb oder ein hinterhältiger Mörder? Er selbst konnte über diese Vorwürfe nur lachen. Wie falsch sie lagen! Und doch, so weit gefehlt war es nicht. Das Verbrechen, was er beging, war nur fast schlimmer, als jeder Mord, der begangen wurde. Mehr Leuten hatte er Schaden zugefügt, als man es für möglich halten würde. Und kein Einziger von ihnen hatte die leiseste Ahnung davon. Die Leute wussten vielleicht nichts über ihn, redeten unablässig und erdachten sich die wundersamsten Geschichten, aber er, er wusste alles über sie. Sie kamen sich so mächtig vor, dabei war er es, der die Macht über sie hatte und sie wussten nichts davon. Dieses Wissen allein ließ ihn diese Hölle überleben, die er sein Leben nannte. Er lebte allein am Rand des Dorfes in einem alten Haus. Im Winter zog es und eine Heizung gab es nicht. Genau wie sein Fahrrad war es alt und renovierungsbedürftig. Kaum jemand kam ihn besuchen, seine Nachbarn mochten ihn nicht sonderlich, wie der Rest der Dorfbewohner. Meist saß er nachmittags alleine in seinem verwilderten Garten an dem verrosteten Gartentisch und trank kalten Tee aus einer Tasse, die einen Sprung hatte. Diese Momente, in denen er alleine dasaß und vor sich hingrübelte, waren immer die Momente, in denen er sich und sein Dasein in Frage stellte. Was tat er eigentlich noch hier? Doch dann erinnerte er sich daran. Einen einzigen Menschen gab es in diesem verhassten Dorf, der ihn schätzte. Der ihn verstand, ihm zuhörte und sich um ihn sorgte. Seine gute Freundin Alma. Die beiden kannten sich schon seit langem, sie waren zusammen aufgewachsen, in einem der Vororte Stockholms.

Sie war seine erste große Liebe gewesen und jeder weiß, die erste Liebe vergisst man nie. Doch seine Liebe war nie erwidert worden. Stattdessen hatte sie sich in einen anderen Mann verliebt und war mit ihm weggezogen. Hierher, nach Steninge. Dieser Mann verließ sie, schon ein halbes Jahr später. Damals war sie schwanger gewesen und völlig verzweifelt. Emil, der sie nie vergessen hatte, war voller Hoffnung nach Steninge gezogen, als er es hörte. Aber er kam zu spät. Sie hatte bereits den jungen Knut Hendrikson geheiratet, den Sohn eines gutverdienenden Fischers. Emil war von da an ein guter Freund für sie. Sie jedoch war der wichtigste Mensch in seinem Leben. Er half ihr mit ihrem Sohn Sven, denn Knut war oft unterwegs und kümmerte sich nicht um sie. Er war es auch, der sie ermutigte, Svens Vater Tag für Tag einen Brief zu schreiben, der jedoch immer unbeantwortet blieb. Voller Hoffnung wartete sie jeden Morgen schon am Gartentor auf Emil. Jeden Morgen war es das Gleiche gewesen. Sie hatte nach einer Antwort gefragt, ob irgendetwas angekommen wäre, aber Emils Antwort war immer dieselbe: „Nein Alma, tut mir leid, vielleicht morgen!“ Aber sie hatte nie aufgegeben, immer wieder hatte Emil sie ermuntert und aufgebaut. Selbst, wenn keine Antwort zurückkam, so wusste dieser Mann, wie es seinem Sohn erging. Doch vor einigen Jahren hatte Alma aufgegeben, kurz nach Brittas Geburt, als Knut gestorben war. Sie hatte jeden Mann aus ihrem Leben löschen wollen, mit der Vergangenheit abschließen. Nur Emil war ihr geblieben und dafür war sie dankbar. Oft besuchte er sie bei ihr zuhause, denn sie kam nicht oft in sein heruntergekommenes Haus, da sie sich etwas davor ekelte. Oft zog sie ihn damit auf, wie es bei ihm aussah und die beiden unterhielten sich bis tief in die Nacht. Beiden tat diese Freundschaft gut und auch wenn Alma nie wieder einen Mann an sich heranlassen wollte, so wusste Emil doch, dass er einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben war und ihr so nahe stand, wie ein Mann nur fähig war. Das genügte ihm voll und ganz und er akzeptierte es. Das musste er sich immer wieder in Erinnerung rufen, wenn er allein in seinem Garten saß, vor seinem Haus, von dem die Farbe bröckelte. Alle Häuser der Umgebung waren weiß, blau, gelb oder rostbraun mit den charakteristischen weißen Einfassungen und Fensterrahmen. Sein Haus war ursprünglich einmal leuchtend gelb gewesen. Jetzt war es ein leicht gräuliches Gelb und ungepflegt. Genau wie der Garten, in dem hüfthoch das Gras stand und sich ein Steinhaufen neben dem Haus auftürmte, mit dessen Steinen er eigentlich einmal den kleinen Pfad zur Haustür hin hatte pflastern wollen. Aber es kam ihm wie Jahrhunderte vor, seit er diese dort abgeladen und seither nicht mehr angefasst hatte. Wegen seinem Garten schauten ihn alle Leute komisch an. Wer so einen Garten besaß, konnte nicht ganz in Ordnung sein. Nein, Emil war bei allen nicht sonderlich beliebt. Nie besuchte ihn jemand. Nicht, dass er das gewollt hätte. Auch seine Nachbarn mochten ihn nicht besonders. Zumindest die Familie links von ihm. Deren Sohn hatte einmal seinen Fußball in Emils Garten geschossen, als er mit Alma eine Tasse Tee getrunken hatte. Der Ball hatte Alma fast am Kopf erwischt und Emil hatte daraufhin den Ball gepackt und ihn vor den Augen des Jungen, der ihn wiederholen wollte, aufgestochen und die Luft herausgelassen. Emil hatte einen schlechten Tag hinter sich gehabt und er hasste Kinder. Außerdem hatte der Ball Alma fast getroffen und er würde nie zulassen, dass ihr etwas geschehen würde. Nie. Seither hatte die Familie des Jungen offensichtlich etwas gegen ihn und mied ihn, so gut es ging. Nicht, dass ihn das in irgendeiner Weise kümmern würde. Mit dieser Familie hatte er nicht sonderlich viel gemein. Die Mutter war Politikerin und setzte sich insgeheim für Abschiebung der ausländischen Bürger ein, aber das wusste niemand – nur Emil. Die Nachbarn zur Rechten dagegen schienen ihn nicht zu meiden. Im Gegenteil, er musste sie meiden! Vor allem die Frau seines Nachbarn. Lina Hallberg war unbestritten die merkwürdigste Frau des ganzen Dorfes. Mit ihren kurzen, schwarzen Haaren und den unpassenden, alternativ wirkenden Kleidern. Wenn Emil sie nur von weitem sah, nahm er Reißaus und verbarrikadierte sich in seinem Haus. Denn wenn es etwas gab, was Lina gerne tat, dann war es reden. Es schien, als würde sie für zwei reden. Und das tat sie auch, denn ihr Mann Erik war ihr exaktes Gegenteil. Still, zurückhaltend und wortkarg. Nie ging er mit den Männern des Dorfes zum Angeln oder grüßte, wenn man ihn traf. Oft war er morgens anzutreffen, wenn er seine Runden joggte. In seiner schreiend blauen oder neonfarbenen Sportleggings, die wie eine zweite Haut seine dünnen Steckenbeine überzog. Keiner wusste so genau, warum er joggte, denn er war ohnehin dünn wie eine Bohnenstange, wenn man von seinem Bauch absah, der sich deutlich durch die eng anliegende Sportkleidung abzeichnete. Stets hatte er einen hochroten Kopf und kniff seinen Mund, der unter dem breiten, altmodischen Schnurrbart versteckt war, vor Anstrengung zu einer dünnen Linie zusammen. Egal bei welchem Wetter, er war jeden Morgen pünktlich um 9Uhr unterwegs. Emil jedoch kannte sein Geheimnis. Er hatte einen Geschäftspartner in Übersee, mit dem er eine Firma vertrieb, die Waren von Kindern herstellen ließ, um mehr Profit zu erlangen. Seine Frau wusste nichts davon und auch der Rest des Dorfes nicht. Emil traf ihn fast täglich. Auf seinen Gruß reagierte er jedoch nie, zu sehr schien er sich auf die Konsistenz des Asphalts vor ihm zu konzentrieren. Man konnte ihm leicht ausweichen. Bei Lina war das jedoch etwas anderes. Eines Tages war Emil wie immer nach der Arbeit im Garten gesessen, als sie aus dem nichts vor ihm stand und er keine Möglichkeit hatte, zu fliehen. Grinsend kam sie auf ihn zu, ihr gelbes Pferdegebiss entblößt und in den merkwürdigsten Kleidern, die er sich vorstellen konnte. Die dicke Brille rundete ihre lächerliche Erscheinung noch ab, die ihre Augen wie die Augen eines Fisches und wie durch eine Lupe vergrößert aussehen lies. Sofort hatte sie ihn in ein Gespräch verwickelt. Wie schön seine Gartengestaltung doch sei, sie war auch der Meinung, man dürfe die Natur nicht einengen, sondern müsse ihr freien Lauf lassen. Auch ihr Haus, das eine sonderbare Mischung aus einer schwedischen Holzhütte und einem chinesischen Tempel zu sein schien, war erst ein einziges Mal gestrichen worden. In den grotesken Farben schwarz, rot und grün. Und ehe er sich versah, hatte sie ihn schon in ein Gespräch verwickelt. Sie vertrieb Badewannen, Whirlpools um genau zu sein und versuchte diese nun verzweifelt unter die Leute zu bringen. Fast jeder wich ihr auf der Straße aus. Auch Emil konnte nicht ganz verstehen, was er mit einem Whirlpool anfangen sollte, wenn noch nicht einmal seine Wasserleitung richtig funktionierte. Er konnte sich nicht auf das Gespräch konzentrieren, denn jedes Mal, wenn er sie ansah, musste er an die Machenschaften ihres Mannes denken und er erschauderte. Mit einer geschickten Ausrede, er wäre mit ein paar Freunden zum Angeln verabredet, konnte er sich jedoch aus der Affäre ziehen und ließ seine verwundert blinzelnde Nachbarin einfach stehen. Im Haus holte er sich schnell seine Angel, zwei große Scampi, einen Eimer, schlüpfte in seine Gummistiefel und machte sich mit seinem alten Fahrrad auf den Weg zur Laxbron, der Lachsbrücke, kurz vor Falkenberg.

Er brauchte eine ganze halbe Stunde bis dorthin, denn Falkenberg lag ein ganzes Stück entfernt. Als er schließlich an seinem Ziel angelangt war, sah er schon ein paar Autos auf dem Parkplatz und ein Fahrrad lehnte an dem hölzernen Geländer neben der kleinen Fischerhütte. Über der Eingangstür hing ein vergilbtes altes Eisenschild mit der Aufschrift Laxefiske. Neben der Tür lehnte ein Mann an der Wand. Er hatte seine Mütze tief gezogen, so dass seine Augen fast nicht zu sehen waren und eine Pfeife steckte in seinem Mundwinkel. Als er Emil bemerkte, schaute er auf und grinste. „Schau an, wen wir da haben!“, brummte er und klopfte an die Tür „Hey Björn, komm’ raus und schau’ dir an, wer hier ist!“ Björn, ein ebenfalls älter wirkender Mann in Gummistiefeln, trat vor die Tür und grinste ebenfalls bei Emils Anblick. Emil konnte ihn nicht ausstehen, er war so selbstsicher. Außerdem betrog er seine Frau schon seit Jahren mit einer Jüngeren. Plötzlich kam ein weiterer Mann aus der Hütte. Emil erkannte ihn, es war Gunnar Olafsson, der Verwalter des Geländes und der Ferienhäuser der Pingstgemeinde. „Na Emil, versuchst du auch dein Glück?“, fragte dieser, „Elin Raske hat heute Morgen einen gefangen, 7 Kilogramm! Das war ein Prachtkerl!“ Emil war aber nun das bisschen Lust auf Angeln, dass er verspürt hatte, völlig vergangen. Gunnar zeigte auf das Anzeigebrett auf der anderen Seite der Hütte, auf der jeder Fang festgehalten und Ende des Jahres dann der Lachskönig geehrt wurde, der den größten Fang erzielt hatte. Im letzten Jahr hatte Gunnar sich dort mit einem schweren Fang eingetragen, obwohl dieser eigentlich nicht sonderlich groß gewesen war und hatte den Titel gewonnen. Niemand wusste von diesem Betrug, außer ein guter Freund – und Emil. Dessen Blick aber wanderte die schmale Holzbrücke entlang, die gleich neben der Hütte den Fluss überspannte. Ungefähr auf der Mitte saß ein ihm unbekannter Mann mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern, die um ihn herum rannten. Gunnar folgte Emils Blick und lächelte. „Das ist eine Familie aus Deutschland“, erklärte er Emil, „Die wohnen bei uns auf dem Gelände. Wirklich nette junge Leute. Aber schrecklich arm. Sie haben nur ein Zelt und einen kleinen Gaskocher. Aber jetzt, wo ich dich treffe, wollte ich dich fragen, ob du nicht auch heute Abend auf unser alljährliches Fest kommen willst? Du weißt schon, das große Mittsommerfest auf unserem Gelände?“, schlug Gunnar vor. Emil zuckte mit den Schultern. Ihm war nicht danach und noch weniger war ihm nach diesem Gespräch, dass er gerade führte. Mit einem letzten Blick auf die kleine Familie auf der Brücke verabschiedete er sich von den Männern und trat seinen Nachhauseweg an. Nein, er würde heute nicht auf das Fest gehen, sondern zuhause gemütlich im Garten sitzen und eine Tasse Tee trinken.

Eine Stunde später saß er, wie er es sich vorgenommen hatte, im Garten. Doch er bekam unerwarteten Besuch. Er sah sie schon von weitem. Sie war mit den anderen Frauen im Meer baden gewesen, so wie sie es immer taten, wenn ein Sturm aufzog und die See aufwirbelte. Langsam schritt sie den Gehweg entlang, bis sie vor seinem Gartentor angekommen war. Es quietschte, als sie es vorsichtig aufdrückte und wieder hinter sich schloss. Trotzdem schaute er sich nicht um und blieb stumm sitzen. „Emil?“, hörte er ihre Stimme, als sie näher kam. „Emil? Hörst du mich?“ Er sah erst auf, als sie vor ihm stand, beide Hände in die Seiten gestemmt, ihre grauen Locken wippten leicht in der lauen Sommerbrise. Sie erwartete eine Antwort! „Oh…Hallo Alma“, murmelte er ungerührt, während er innerlich schauderte und nahm einen weiteren Schluck Tee. „Ich wollte dich zum Fest abholen.“, sagte sie und suchte seinen Augenkontakt. „Bin nicht in der Stimmung“, brummte er unwillig. „Oh doch, das bist du, du alter Griesgram! Früher waren wir auch immer auf einem Mittsommerfest, als wir noch jung waren. Und heute Abend wirst du mit mir tanzen!“, rief sie und zog ihn hoch, sodass er neben ihr stand. Er warf ihr einen missmutigen Blick zu, überlegte kurz, gab dann aber doch nach. Sie bestand aber darauf, dass er sich etwas Gutes anzog, denn in Gummistiefeln konnte man nun wirklich nicht zu einem Fest erscheinen! Also geleitete er sie ins Haus, wo er sie auf dem Sofa platznehmen ließ, während er nach oben ging, um sich umzuziehen. Alma war schon lange nicht mehr hier gewesen und nun fühlte sie sich unwohl in diesem Haus. Sie schaute sich um, betrachtete die merkwürdige Einrichtung und die dicke Staubschicht, die auf allem zu liegen schien. Fast, als schlafe alles in diesem Haus und warte nur darauf, erweckt zu werden. Aber von wem? Sie wusste es nicht. Plötzlich fiel ihr Blick auf einen offen stehenden Schrank direkt neben dem Treppenansatz. Alma war schon immer neugierig gewesen und dieser Schrank schrie förmlich nach ihr. Sie stand langsam auf, schlich zu ihm hinüber und horchte nach oben, wo sie hörte, wie Emil sich umzog und öffnete leise die Schranktür. Ihr bot sich ein verblüffender Anblick. Er war vollkommen leer! Beinahe hätte sie die Schranktür schon wieder geschlossen, als ihr auffiel, dass er doch nicht völlig leer war. Im untersten Fach, ganz nach hinten in eine der dunkeln Ecken geschoben, lag ein Blatt Papier. Ihre Neugier war nun von neuem entfacht und vorsichtig griff sie danach. Die seidige Textur des Papiers fühlte sich kalt an in ihren warmen Fingern. Sie trat einen Schritt zurück, sodass mehr Licht auf das Blatt fiel, damit sie es lesen konnte. Das Herz gefror ihr in der Brust, als sie diese feingliedrige, elegante Schnörkelschrift erkannte, in der dieser Brief verfasst war. Jahrzehntelang hatte sie auf diesen Anblick gewartet, aber er war ihr verwehrt geblieben. Eine böse Ahnung beschlich sie und ihre Hand, die den Brief hielt, begann unkontrolliert zu zittern. Langsam glitten ihre Augen über jede geschriebene Zeile und sie nahm jedes einzelne Wort in sich auf. Dem Datum nach zu urteilen, was oben in der Ecke stand, war der Brief schon einige Jahre alt. Es musste einer der Letzten, wenn nicht sogar der Letzte, gewesen sein, den er ihr geschrieben hatte, der Dringlichkeit nach zu schließen:
Alma,
dies ist mein letzter Versuch, Kontakt mit mir aufzunehmen. Anscheinend hast du meine anderen Briefe ignoriert oder sie nicht gelesen. Ich bereue es sehr, was ich getan habe und würde alles tun, um es wieder gut zu mache. Mein Kind bedeutet mir sehr viel. Ich hoffe, euch geht es gut. Falls du dies hier doch lesen solltest, dann möchte ich dir nur eines sagen: Lebewohl.
Tränen brannten heiß in ihren Augen und rannen schließlich warm ihre Wangen hinunter. Sie konnte sich nicht mehr halten und ließ sich wie in Trance auf dem nahe gelegenen Sessel nieder. Tränen fielen auf den Brief und verschmierten die Tinte, die zu kleinen schwarzen Pfützen zusammenlief. In diesem Moment kam Emil die Treppe herunter, in seinem besten Abzug und mit einer Krawatte in der Hand. Er stockte, als sein Blick auf die weinende Alma fiel. Zuerst begriff er nicht, was geschehen war und wollte gerade bestürzt fragen, was sie denn habe, als sein Blick auf den offenen Schrank fiel. Und plötzlich wusste er, was es war. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mit offenem Mund stand er vor ihr, unfähig, sich zu bewegen, als sei er zu Eis erstarrt. Alma jedoch hatte sich von ihrem ersten Schock erholt und suchte seinen Blick, doch er wagte es nicht, sie anzusehen. „Emil“, begann sie, „Das ist nicht der einzige Brief, habe ich Recht? Wie viele von ihnen hast du noch zurückbehalten?“ Er antwortete erst nicht, sondern starrte nur auf seine Füße, doch dann hob er den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber Alma, du musst mir glauben, ich habe das nur für dich getan!“ Draußen ertönte das erste Donnern des wütenden Sturmes und der Himmel verdunkelte sich. Sie sah auf und er bemerkte ein wütendes Blitzen in ihren Augen, das sogleich völliger Verzweiflung wich. „Du hast das für mich getan? Emil, du hast mir Briefe vorenthalten. Sie waren für mich bestimmt. Für Sven. Sören war sein Vater! Ich nehme an, du hast ihm meine Briefe auch nicht zugeschickt“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme und er schwieg. „Ich habe gedacht, du seiest mein Freund. All die Jahre habe ich mich dir anvertraut. Du hast mich immer ermutigt, weiter Briefe zu schreiben! Warum hast du das getan? Sören lag etwas an seinem Sohn, er wollte es wieder gutmachen. Und all die Jahre habe ich es nicht gewusst! Weißt du, was du da angerichtet hast?!“, rief sie. „Ihm lag nichts an euch, überhaupt nichts! Er kennt dich nicht so gut wie ich! Niemand tut das! Ich habe gesehen, wie schlecht es dir ging und deshalb habe ich dir gesagt, du sollst ihm schreiben. Damit du wieder hoffen kannst. Aber ich wusste, dass es ihm nicht ernst ist. Ich habe es in seinen Briefen gelesen. Weißt du, wie weh es mir tat, zu lesen, was du ihm geschrieben hast?“, fragte er und ihre Augen weiteten sich vor Schreck: „Du hast sie gelesen? Alles? Wie kannst du nur! Aber Sven war ihm wichtig, das hat er doch geschrieben!“ Sie sank zurück auf den Sessel, aus dem sie kurze Zeit zuvor aufgestanden war. Erschöpft fuhr sie sich mit der Hand über ihr Gesicht und atmete tief aus. „Aber warum ist er nie hierher gekommen? Er wusste doch, wo wir wohnen. Das verstehe ich nicht“, flüsterte sie. „Weil ich ihm gesagt habe, dass er das nicht tun soll“, antwortete ihr Emil. Sie wandte ihm bestürzt den Kopf zu: „Was? Du hast ihm einen Brief geschrieben? Wie kannst du nur! Hast du denn überhaupt kein Herz?“, mittlerweile war sie aufgesprungen und stand direkt vor Emil und schaute zu ihm auf. „Ich hasse dich!“, sagte sie ihm direkt ins Gesicht. Emil erstarrte, als er den kalten, gefühllosen Ton bemerkte, in dem sie es gesagt hatte. Es kam aus ihrem Inneren, aus dem Herzen. Sie meinte es ernst. In dem Moment legte sich in seinem Innern ein Schalter um, der ihm die Sicht benebelte und ihn nicht mehr klar denken ließ. Als er zu sich kam, war alles vorbei und ihn überkam ein unsagbar schreckliches Gefühl. Er konnte es nicht beschreiben, aber eins wusste er: Es war schlimmer, als der Tod. Wie in Trance drehte er sich um und verließ sein Haus. Er wusste nicht, wohin er unterwegs war, seine Füße trugen ihn weg. Weg aus diesem schrecklichen Haus. Er lief in blinder Verzweiflung dem tosenden Meer entgegen.

***

Am nächsten Morgen erschien in der Stockholm City ein Artikel, der Steninge und ganz Schweden erschütterte:

Briefträger hortet 10.000 Briefe

Lange haben Emil A. (63), dem Briefträger des kleinen Dörfchens Steninge bei Halmstad, alle vertraut. Niemand ahnte, was dieser Mann verbarg. Jahrelang hatte er einen Großteil der Post, unbemerkt von seinen Nachbarn und den anderen Dorfbewohnern, gelesen und in seinem Keller aufbewahrt. Gestern Abend jedoch deckte Alma P. (60), eine langjährige Bekannte des Mannes, sein Geheimnis auf. Dies wurde ihr jedoch zum Verhängnis. Sie starb in Folge mehrerer Schläge auf den Hinterkopf, vermutlich mit einem schweren Gegenstand. Emil A. ist zurzeit flüchtig und von ihm fehlt bis jetzt jede Spur.

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Steninge beach (summer 2005)